Es lässt mich nicht los – Meine Gedanken zur Amokfahrt in Münster am 07.04.2018

 

 

„Guck mal, Finn, ein Hubschrauber!“

Mit diesem Satz fing alles an. Ich saß mit meiner Freundin, ihrem Sohn und Jo im Sand auf dem Spielplatz bei uns um die Ecke. Wir hatten Sand zwischen den Zehen und Sonne im Gesicht.

Was war das für ein unfassbar schöner Tag bisher gewesen. Der Mann, Jo und ich haben vormittags unsere typische Münstertour gemacht. „Fresstour“ nennen wir das immer, denn auf dem Wochenmarkt schlagen wir uns meist samstags die Bäuche richtig voll. Hier noch ein Reibekuchen, da noch eine Waffel. Anschließend fuhren wir mit den Rändern durch unsere wunderschöne Stadt. Durch unser Zuhause. Wie oft ich an diesem Vormittag wieder dachte: „Was ist das für eine unfassbar schöne, friedliche und heimelige Stadt.“ Ich hatte mich mal wieder hoffnungslos verliebt.

Gegen 15.30 Uhr machten wir uns von der Stadt auf zum Spielplatz. Jeder Münsteraner weiß inzwischen, was um diese Uhrzeit geschah. Der Mann ging kurz nach Hause und ich entschied, auf dem Spielplatz zu bleiben. Es war einfach zu schön draußen. Meine Freundin kam mit ihrem Sohn dazu. Dann das Hubschrauberbrummen. Direkt über uns. Der Hubschrauber stand regelrecht in der Luft. Wir dachten uns nicht viel dabei, trotzdem fühlte ich mich schlagartig unwohl. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, aber ich wollte einfach nur nach Hause. Jo wurde unruhig. Merkte er meine Nervosität? Merkte er, dass etwas nicht stimmt? Die Stimmung auf dem Spielplatz veränderte sich. Ich schaute wieder zum Hubschrauber. Danach blieb mein Blick an einer Mutter haften, die ihr Smartphone in der Hand hielt und gleichzeitig ihre Sachen zusammenpackte. Sie sah mich an. Besorgt sah sie aus und sagte zu mir: „Da ist angeblich ein Auto in eine Menschenmenge gefahren“. Sie sah mich an, ich sah sie an. Fassungslosigkeit.

Was? Ein Auto ist in eine Menschenmenge gefahren? Hier? Hier bei uns? Nein, das kann nicht sein. Das war bestimmt ein Unfall.

Auch ich holte mein Handy heraus und fand folgende Meldung: „Ein Kleinlaster ist im Westfälischen Münster in eine Gruppe von Menschen gefahren. Weiteres ist unklar.“ Als ich das las, muss es ungefähr 16.00 Uhr gewesen sein. Leere. Das kann nicht sein. Das ist bestimmt ein Missverständnis. Kurz darauf packte ich meine Sachen und ging mit Jo nach Hause. Auf dem Weg traf ich eine Nachbarin: „Hast du es schon gehört?“

Als wir zuhause waren, schauten wir ständig auf unsere Smartphones. Mittlerweile war von einem mutmaßlichen Anschlag die Rede. Nein, das kann nicht sein. Es war bestimmt ein Unfall. Ich weiß nicht, wie oft ich das gedacht, ja fast gebetet habe. Die Sicherheit, die wir hier in unserer Wahlheimat verspürten, war plötzlich angekratzt. Wir hatten Angst. Das kann alles nicht sein. Minütlich aktualisierten wir die Nachrichten. Jo war zu dem Zeitpunkt sehr anhänglich und unruhig. Jetzt war ich mir sicher: Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich schaute ihn an und der Kloß in meinem Hals wurde groß und tat weh. Ich darf jetzt noch nicht weinen. Dutzende Menschen schrieben mir: „Bist du okay? Geht es euch gut? Seid ihr zuhause?“ Familie und Freunde, die sich Sorgen machten. Das brachte mich aus irgendeinem Grund näher an die Realität. An das, was da ein paar hundert Meter von uns um 15.27 Uhr passiert ist.

Dann die Nachricht: Es war kein terroristischer Anschlag

Ein psychisch labiler Mann sei der Täter gewesen. Ich fühle mich schlecht deswegen, aber Erleichterung machte sich in unserem Zuhause breit. Der Mann und ich schauten uns an. Sich in dem Moment erleichtert zu fühlen, ist ein egoistischer Gedanke. Denn es ändert nichts daran, dass dort Menschen gestorben sind. Dass es immer noch Verletzte gibt, die im Uniklinikum und im Clemenshospital um ihr Leben kämpfen. Dass es Angehörige gibt, denen jetzt die schlimmste Zeit ihres Lebens bevorsteht. Dennoch ist es ein menschlicher Gedanke, denke ich. Nach der Erleichterung kam dann die Trauer. Jo war endlich im Bett. Ich ging aus dem Kinderzimmer und spürte wieder den Kloß im Hals. Ich weinte. Das kann alles nicht sein. Vielleicht war es doch ein Unfall.

Irgendwann war klar, dass es kein Unfall war. Vor dem Schlafengehen hoffte ich noch, dass es uns an einem neuen Tag bestimmt besser geht. Oder vielleicht habe ich auch gedacht, dass man am nächsten Morgen einfach aufwacht und es ist doch nur ein Traum gewesen. Am Sonntag wurde mir dann klar, dass ich sehr naiv war zu glauben, dass sich etwas geändert hatte. Es war noch schlimmer. Selten habe ich an dem Tag an etwas anderes gedacht.

Wir gingen zu der Unfallstelle. Zu der Kiepenkerlstatue. Diese steht normalerweise für die Traditionen, die Bräuche und die Lebensart des Münsterlandes. Und wofür steht sie jetzt?

Unter der Statue das Blumenmeer. Und in der Mitte das große Schild mit einem handschriftlichen „Warum?“

Selten war es an diesem Platz so still. So eine beklemmende Atmosphäre habe ich an diesem Ort noch nie gespürt. Ich schaute in die Gesichter der Menschen. Manche weinten. Dann wieder der Kloß im Hals. Das fühlte sich alles so fremd an. Das passte alles nicht zusammen. Hier sind Menschen gestorben? In der Sonne am Kiepenkerl in Münster? Das kann nicht sein, das passt einfach nicht zusammen.

Mich ließ das alles nicht los, also entschied ich, abends mit einer Freundin in den ökumenischen Gottesdienst zu gehen. Ich habe gehofft, dass ich so meine Gedanken ordnen konnte. Mit vielen Menschen strömten wir in den St. Paulus Dom. So viele Menschen. Und die Gesichter gezeichnet von Fassungslosigkeit und Trauer.

Während der ergreifenden Predigt kamen mir die Tränen. Ich konnte es nicht verhindern. Hinter mir hörte ich ab und zu ein Schluchzen. Eine Frau zwei Plätze neben mir, sah mich voller Mitgefühl an. Sie sagte: „Hier, ich gebe ihnen meine Kerze. Ich glaube, die können sie gebrauchen“. Am Eingang hatte ich vergessen, mir ein Gedenklicht zu nehmen. Umso ergriffener war ich nun von dieser Geste und sie steht wohl symbolisch für den Zusammenhalt der Münsteraner in diesen Tagen. „Danke“, sagte ich leise.

Schließlich sangen 1.500 Münsteraner am Ende der Predigt

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag

Mit dem entzündeten Gedenklicht in der Hand liefen wir im Anschluss des Gottesdienstes zum Kiepenkerl. Ich stand mit der Kerze in der Hand nun vor der Statue, die durch einen unfassbaren Schicksalsschlag unfreiwillig zu einer Gedenkstätte wurde. Wie oft und wie lange werden wir wohl noch an das schreckliche Ereignis denken, wenn wir dort vorbeilaufen?

In der Predigt hieß es: „Wir stehen nun vor Gott mit leeren Händen.“ Und nun stehen wir dort an diesem Platz mit leeren Händen und das was vorerst bleibt, ist das große, blaue, handschriftliche Wort auf der weißen Tafel unter der Kiepenkerlstatue.

Unser aufrichtiges Beileid gilt den Angehörigen der Verstorbenen. Für alle Verletzten, ob körperlich oder seelisch, hoffen wir sehr, dass eure Wunden bald verheilen mögen.

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