Ich kann nicht mehr – Wie das Baby-Schlafdefizit mich an den Rand der Depression brachte

23. Mai 2017
02:47 Uhr

Um diese Uhrzeit befinden sich die meisten Menschen in der sogenannten Tiefschlafphase. Ich hingegen, stehe im Schlafzimmer mit meinem gerade geborenen Sohn auf dem Arm und weine. Ich muss mein Schluchzen unterdrücken, denn schließlich wird Jo sonst wach. Es tut weh im Hals. Jo ist jetzt bereits das vierte Mal wach diese Nacht. Mittlerweile laufe ich die siebte Runde durchs Zimmer, aber Jo ist immer noch unruhig. Er kann nicht in den Schlaf finden. Nach weiteren dreißig Minuten lege ich ihn vorsichtig in das Beistellbett. Es scheint geklappt zu haben. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel. Danke, lieber Gott.

04.00 Uhr

Ein Quängeln. Ich wache auf. Ich weiß, dass ich geträumt habe, kann mich sogar an den Traum erinnern. Dann habe ich bestimmt ein paar Stunden schlafen können. Vor dem Blick auf die Uhr habe ich Angst. Trotzdem schaue ich hin: 04.03 Uhr. Nein. Nein. Nein. Warum? Ich will doch nur zwei Stunden am Stück schlafen. Immer noch befinde ich mich zwischen Traum und Wachzustand, kann gar nicht richtig denken. Vielleicht hat er Hunger? Wann habe ich denn das letzte Mal gestillt? Ich weiß es nicht. Ich ziehe Jo an meine Brust und schlafe innerhalb von zehn Minuten ein.

04.30 Uhr

Jo weint. Der Blick auf die Uhr treibt mir wieder die Tränen in die Augen. Ich nehme Jo hoch und laufe durchs Schlafzimmer. Ich bin so müde, dass mir die Augen schmerzen. Als ich denke, dass er wieder eingeschlafen ist, versuche ich mich auf die Bettkante zu setzen. Wenigstens sitzen. Als ich mich hinsetzen will, weint Jo auf. Warum? Warum schläfst du nicht? Aus irgendeinem Impuls, tief in meinem bösen Inneren, ramme ich meine Fersen auf den Boden. Ich brauche ein Ventil. Jetzt. Der Schmerz zieht hoch in meine Beine. Nein, nein, nein! Verzweiflung. Die pure Verzweiflung. Die Tränen steigen mir wieder in die Augen, ich lege Jo sicherheitshalber ins Beistellbett und weine in mein Kissen. Ich weiß nicht wohin mit meinen Gefühlen. Jo schreit.


Das, was ich hier schildere, beherrschte monatelang unsere Nächte. Monatelang schlief Jo nie länger als zwei Stunden in der Nacht. In den Nächten nach der Geburt hatte ich jeweils nur eine Stunde in der Nacht geschlafen, das Schlafdefizit war also schon immens groß, als wir aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Außerdem war nach der Entbindung immer noch so aufgewühlt, dass an Schlaf erstmal nicht zu denken war.

Nach der ersten, ebenfalls schrecklichen Nacht zuhause, lag ich morgens weinend neben Jo im Bett und schaute den Mann voller Verzweiflung an: Geht das jetzt immer so weiter?

Und es ging so weiter. Da ich nachts unfassbar viel gestillt habe, konnte der Mann mich anfangs auch nicht ablösen. Schließlich riet uns unsere Hebamme dann, Muttermilch abzupumpen, damit der Mann Jo nachts die Flasche geben konnte. Das klappte in der ersten Nacht halbwegs, in der zweiten Nacht verweigerte Jo die Flasche allerdings. Obwohl wir mehrere Modelle ausprobierten, nahm der kein Fläschchen. Die Wochen danach versuchten wir nicht mehr aktiv in Jo’s Schlafrhythmus einzugreifen und irgendetwas zu ändern. Wir waren zu resigniert. Und ich war immer noch unsagbar müde.

Da ich irgendwie durch den Tag kommen musste, versuchte ich zu dieser Zeit, Jo’s Vormittagsschlaf zu nutzen, um Energie zu sammeln. Die Monate nach seiner Geburt hatte er ein immenses Nähebedürfnis, sodass ich ihn tagsüber zum Schlafen kaum weglegen konnte. Er schlief also entweder in der Babytrage oder auf meinem Bauch. So lag ich jeden Vormittag auf dem großen Bett im Kinderzimmer und versuchte nochmal die Augen zuzumachen. Nach einigen Tagen war ich tatsächlich so weit, dass ich selbst mit Jo auf dem Bauch schlafen konnte. Im Durschnitt schaffte ich eine Stunde.

Die Tatsache, dass der Mann mich nicht ablösen konnte, belastete ihn sehr. Er wollte so gerne mehr für mich tun, mir Schlaf schenken. Aber es ging nicht. Das machte uns beide gleichermaßen fertig.

Aufgrund des Schlafdefizits gab es dann Tage, an denen sich meine Stimmung dem Nullpunkt näherte, an denen ich ein anderer Mensch war. Ein Mensch, der ich nicht sein wollte. Schlimmer noch. Ich war am Rand der Depression.

Was bin ich für ein Mensch geworden?

Gedanken, die ich nicht haben wollte, zogen mich fast jeden Tag in einen dunklen Strudel hinab und benebelten meinen Verstand: Bin ich überfordert mit dem Ganzen? Haben wir uns zu früh für ein Kind entschieden? Bin ich dieser Mammutaufgabe gewachsen? Wird das Leben mit Baby immer so weitergehen? Werde ich irgendwann wieder zu mir selbst finden? Ich war mittlerweile so weit, dass ich sogar die Konstanten in meinem Leben in Frage stellte.

Erzählten mir andere Mütter von ihren durchschlafenden Kindern, krampfte sich bei mir alles zusammen. Berichteten sie von ihren nächtlichen Erfolgen, versuchte ich auf Durchzug zu schalten.

Dein Kind schläft durch? Schön für dich. Meins nicht. Und nein, ich gönne es dir nicht.

Ich gönnte es keiner Mutter. Niemandem. Dem einzigen Menschen auf diesem Planeten, dem ich es gönnte zu schlafen, war ich selbst. Was ich auch versuchte, ich konnte nicht gegen diese missgünstigen Gedanken ankämpfen. Ich wollte nicht so ein Mensch sein.

Ich veränderte mich nicht nur gegenüber anderen Menschen, sondern auch vor allem meinem Sohn gegenüber. Und das wollte ich am allerwenigsten. Jo sah mich weniger lachen, sah, dass ich weniger Späße mit ihm machte. Er sah seine Mutter nicht lebhaft und unbekümmert. Manchmal besaß ich genug Objektivität, um das zu merken. Aber ich konnte es nicht ändern.

Die großartige Besserung ist immer noch nicht in Sicht

Irgendwann war es nicht mehr ganz so schlimm und Jo wurde nachts „nur“ noch alle drei Stunden wach. Die Flasche nahm er nachts vom Mann mittlerweile, jedoch höchst selten. Mir ging es mit dem noch vorhandenen Schlafdefizit immer noch nicht gut. Sobald eine schlimmere Nacht dabei war, warf mich das wieder komplett aus der Bahn. Irgendwann ging es mir so schlecht, dass ich nicht mehr konnte. Ich erinnere mich noch genau. Es war ein Sonntag. Der Mann und ich stritten. Es gab keinen bestimmten Anlass für den Streit. An diesem Nachmittag weinte ich drei Stunden am Stück. Auch hier konnte ich keinen bestimmten Grund ausmachen. Schließlich waren wir uns einig: der Schlafmangel war schuld. Ich war am Ende meiner Kräfte. Ich konnte nicht mehr.

Jetzt war klar, dass sich etwas ändern musste. Wir riefen unsere Hebamme an, die sofort am nächsten Tag kam. Sie riet uns, dass der Mann, sobald es möglich war, Jo mehrere Nächte am Stück nimmt. Damit ich meinen hoffnungslos leeren Akku aufladen konnte. Außerdem sollten wir Jo konsequenter an die Flasche gewöhnen. Dies war erst sehr anstrengend, doch es klappte immer besser. In dieser Woche war sogar eine Nacht dabei, in der ich durchschlafen konnte. Als ich nach dieser Nacht aufwachte und die Sonnenstrahlen am Fenster sah, hatte ich Tränen in den Augen. Diesmal jedoch vor Freude.

Zusätzlich dann die Radikalmaßnahme: Abstillen. Man sagt nämlich, dass Kinder, die nachts nicht gestillt werden, besser schlafen. Natürlich habe ich sehr damit gehadert. Ist das nicht zu egoistisch von mir? Aber wenn ich mir meinen Zustand ansah, gab es für mich in dieser Situation keine andere Möglichkeit. Und Jo zu diesem Zeitpunkt abzustillen, schien mir in Ordnung zu sein. Immerhin war er da schon acht Monate alt. Und siehe da, Jo’s Schlafphasen dehnten sich aus.

Mittlerweile war es dann auch, dank des Abstillens, möglich, dass der Mann und ich uns nachts abwechseln konnten. Das half mir sehr. Wenn eine schlimme Nacht dabei war, wusste ich, dass ich in der nächsten Nacht schlafen konnte. Das machte vieles besser und das Leben fühlte sich für mich wieder viel lebenswerter und bunter an.

Obwohl die Nächte, dank des Abstillens, besser wurden, musste sich langfristig etwas ändern –  Eine Schlafexpertin musste ran

Ich suchte zusätzlich eine Schlafberatung auf. Obwohl Jo älter und älter wurde, wurde er nämlich nachts immer noch oft wach und war einfach oft unruhig. Und ich wusste, dass er nachts keinen großen Hunger haben konnte. Bei der Schlafexpertin angekommen, erzählte ich unsere Geschichte. Die Tränen ließen nicht lange auf sich warten. Die Beraterin merkte, dass ich am Ende meiner Kräfte war und war sehr verständnisvoll. Wir analysierten unsere Situation und kamen zu dem Schluss: Jo muss lernen, abends alleine einzuschlafen, damit er das auch nachts selbstständig schafft. Da er abends nämlich immer auf dem Arm einschlief, forderte er das natürlich dann auch in der Nacht ein. Er war sozusagen auf uns angewiesen.

Alleine einschlafen bedeutete allerdings nicht, dass wir ihn alleine in seinem Zimmer ließen. Wir legten uns immer neben ihn ins große Bett, sangen, streichelten ihn sanft und begleiteten ihn langsam in den Schlaf. Aber wir nahmen ihn nicht mehr auf den Arm. Ich hatte Angst vor dieser Aufgabe, weil ich wusste, dass Jo protestieren würde. Ein lieb gewonnenes Ritual, nämlich auf dem Arm einschlafen, würde ihm entzogen werden.

Wider Erwarten klappte das selbstständige Einschlafen fast problemlos. Und was soll ich sagen? Die Schlafphasen erweiterten sich extrem. Wir schafften teilweise vier, fünf Stunden am Stück. Die Zahl der guten Nächte stieg an. Das neue, abendliche Ritual zeigte seine Wirkung. Ich war verblüfft.

Der Ist-Zustand? Immer noch ein Auf und Ab

Zurzeit sind unsere Nächte trotzdem immer noch sehr durchwachsen. Es sind mal schlechte Nächte dabei, mal gute. Eine gute Nacht ist es bei uns, wenn Jo ein- bis zweimal zum Trinken wach wird und wir ungefähr zweimal vier bis fünf Stunden am Stück schlafen können. Im Durchschnitt also wirklich akzeptabel, sodass der Mann und ich tagsüber relativ fit sind. Trotzdem schlafen wir die meiste Zeit getrennt, damit wenigstens einer komplett ausgeschlafen ist.

Auch wenn die Nächte viel, viel besser sind als noch vor ein paar Monaten, bin ich trotzdem noch sehr oft frustriert. Ich wünsche mir immer noch sehr, dass Jo eines Tages durchschlafen wird.

Was hat also geholfen?

Auf die Frage, was mir geholfen hat, gibt es nur eine Antwort: Mein Mann. Hätte er Jo nicht so oft nachts übernommen, wüsste ich nicht, wo ich jetzt stehen würde. Und er hilft mir immer noch. Er ist unter anderem der Grund, warum Jo tagsüber eine sorgsame, liebevolle und unbekümmerte Mutter hat. Innerlich danke ich jeden Tag, dass er so ist, wie er ist. Denn ich weiß, dass das, was er nachts leistet, auch heute noch, selbst in unserer Generation, leider nicht selbstverständlich ist.

Das mit dem Schlafen wird immer mein Thema, ja, mein Problem sein. Manche Schilderungen mögen hier übertrieben und nicht nachvollziehbar klingen, aber die Sache mit dem Schlafmangel ist schlimm für mich. Und das wird es auch vorerst bleiben. Ich bin ein Mensch, der viel Schlaf braucht. Und das kann ich leider nicht ändern. Eine Zeit lang hat mich das unfassbar wütend gemacht, aber mittlerweile habe ich es halbwegs akzeptiert. An guten Tagen denke ich dann oft: Irgendwann geht es vorbei, irgendwann wird er durchschlafen. Und dann schaue ich in die verschmitzten Augen von Jo und das genügt mir dann für den Moment.

Bis dahin, gute Nacht!

Eure,

Lo.

 

2 Gedanken zu „Ich kann nicht mehr – Wie das Baby-Schlafdefizit mich an den Rand der Depression brachte“

  1. So in etwa kenne ich das auch. Mein Kind schrie jede 2. Stunde und ich war wie in Trance, 6 Wochen lang oder länger, ich weiß das nicht mehr so genau, es ist schon einige Jahre her. Jedenfalls riet mir eine Freundin zu einem Schnuller, der mir enorm half. 4 Stunden Schlaf am Stück in den ersten Tagen waren ein Traum. Ja, das ist wirklich anstrengend

    1. Ja das mit den Trancezustand kenne ich, das ist wirklich schrecklich. Und das zieht sich ja den ganzen Tag so:( Ich hoffe für dich, dass es irgendwann besser geworden ist und du nun mittlerweile schlafen kannst! Ganz liebe Grüße!

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