Von Nervenzusammenbrüchen und entblößten Brüsten auf der Rückbank –Autofahren mit Kleinkindern

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ihr das gepackt habt“, sagte meine beste Freundin letztens in einem Gespräch zu mir. Was sie damit meinte? Sie meinte die langen Autofahrten, die wir mit dem Jo im ersten Jahr gemacht haben: zum Lago Maggiore (889 km), nach Dänemark (494 km) und nach Österreich (902 km). Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie wir das gepackt haben. Jo HASST Autofahren. Autofahren mit Kleinkindern: Muss das wirklich sein?

Was?! Der Jo hasst Autofahren? Aber Babys lieben das doch. Also mein Kind pennt ein, sobald ich den Motor nur starte

Doch, richtig gehört, er hasst es. Und ja, er ist wahrscheinlich das einzige Baby auf diesem Planeten, das dies nicht gerne tut. Übungssache sei es, sagten die Leute mir. Irgendwann würde er sich schon dran gewöhnen. Schwachsinn, wie ich finde. Außerdem sind die genannten Strecken ja wohl Übung genug. Wenn er es hasst, dann hasst er es. Und ganz ehrlich? Ich kann ihn verstehen. Ich möchte nicht eingepfercht in einer Babyschale, entgegen der Fahrtrichtung sitzen. Das würde ich auch hassen.

Meinen Mutter-des-Jahres Moment hatte ich auf der Fahrt zum Lago Maggiore. Jo schrie wie am Spieß, fing an zu husten, war kurz davor sich zu übergeben. Alles gecheckt: Saubere Windel, kein Hunger, er war nicht müde. Er hatte offensichtlich keinen Bock auf die Babyschale, aufs Rückwärtsfahren, was weiß ich. Was machte ich? Ja, Mütter dieser Welt verurteilt mich, ich holte das Smartphone raus und zeigte ihm ein Video. Stille. Endlich. Und wenn es nur für zehn Minuten ist.

Autofahren mit Kleinkindern: Wenn nichts mehr hilft, kommt die Brust

Wo wir schon beim Verurteilen sind: Um mich selbst davor zu schützen, nicht die Seitentür zu öffnen und mich aus dem Auto zu stürzen, hab ich den Jo schon unzählige Male einfach aus der Babyschale genommen. Einfach, damit das Schreien aufhört. Weil wir so verzweifelt waren. Natürlich hadere ich da extrem mit mir. Natürlich würde man sich das niemals verzeihen, wenn dann in dem Moment was passiert. Aber in manchen Momenten war es einfach sicherer für uns alle, ihn rauszunehmen.

Weiter geht’s: Und wenn wirklich gar nichts mehr ging, ja, dann hab ich auch meine Brüste auf der Rückbank rausgeholt und ihn gestillt. Ich habe sogar versucht, ihn in der Babyschale zu stillen (detaillierte Beschreibungen möchte ich euch an dieser Stelle ersparen). Ich habe ALLES versucht.

Und dann selbstverständlich singen bis der Arzt kommt. „Rommelbommel“ bis zum Erbrechen. Leider ist das Singen natürlich auf einer 7-stündigen Fahrt irgendwie nur eine temporäre Sache, das hält ja kein Mensch durch. Was bin ich froh, dass ich drei Jahre in einem Kindergarten gearbeitet habe. Das hat sich schon alleine dadurch gelohnt, dass ich mein Liederrepertoire extrem aufstocken konnte. Aber selbst das ist irgendwann erschöpft. Das Lied „Rommelbommel“ haben wir seit diesen Horrorfahrten nicht mehr gesungen, zu groß war das Trauma.

Apropos Trauma. Der zwischenzeitliche Blick auf die Autouhr war psychische Folter. Die ist nämlich genau in meinem Blickfeld. 13.00 Uhr. Um 19.00 Uhr würden wir ankommen. Noch sechs Stunden also. Liederrepertoire durchsingen, 13.45 Uhr. Jo was vorlesen, 14.00 Uhr. Ihm irgendwas zum rumfummeln geben, 14.30 Uhr. Noch 4,5 Stunden. Puh.

Irgendwann kamen dann nur noch Nachtfahrten in Frage. Aber auch die waren teilweise über die Maßen anstrengend. Zum Beispiel die Fahrt nach Österreich: Da passten wir punktgenau den Zeitpunkt ab, wann wir ihn abends schlafend in die Babyschale legten. Dann so leise wie möglich durchs Treppenhaus. Zwischendurch beten, dass einem die Nachbarn nicht entgegenkommen. Erwische mich dann zeitweise dabei, wie ich vergesse zu atmen. Langsam auf die Babyschalen-Station. Klick. Er ist wieder wach. Scheisse. Alles umsonst. Naja, dann müssen wohl die Brüste gleich wieder herhalten. Nachdem ich ihn dann irgendwann wieder in den Schlaf gestillt habe, versuche ich vorsichtig, ihm wieder in die Schale zu legen. Der Winkel ist dabei so dermaßen ungünstig, dass ich einen Hüftkrampf bekomme (gibt’s sowas?!). Den Gurt zumachen. Klick. Diesmal hat es geklappt. Der Mann und ich schlagen ein.

Oder eine Fahrt in die Heimat, die ich leider alleine antreten musste. Ich war optimistisch, dass alles funktionieren würde, war also guter Dinge, fuhr los und freute mich riesig auf die Zeit mit meinen Eltern und mit meiner Schwester. Auch an diesem Abend timte ich es dann ebenfalls so, dass ich Jo zu seiner üblichen Schlafenszeit in die Babyschale legte. Der Plan schien diesmal zu funktionieren. Dann die Abfahrt auf die A43. Stau. Bitte nicht, bitte nicht lieber Gott. Sobald das Auto stand, wachte er auf. Und fing sofort an zu schreien. Das Ende vom Lied? Ich saß heulend und stillend im Auto auf dem Seitenstreifen. Mitten im Stau. Irgendwann ist er eingeschlafen, aber ich bin trotzdem umgedreht. Als ich zuhause dann die Tür aufschloss und den Mann sah kamen mir die Tränen. Wieder hat es nicht geklappt.

Die ultimative Lösung, sobald Jo selbstständig sitzen konnte: ein richtiger Kindersitz, in dem Jo nach vorne gucken könnte. Das würde alles ändern. Optimistisch wie wir waren, legten wir uns also einen Kindersitz zu. Vor der Probefahrt waren wir richtig aufgeregt und waren gespannt wie er es findet. Ich erspare euch jetzt weitere Geschichten und kürze das ganze ab: Toll findet er es immer noch nicht, der Sitz brache leider nicht den gewünschten Effekt. Ernüchterung.

Auch wenn wir die langen Fahrten in den Urlaub durchgezogen haben, so habe ich doch manches versäumt. Wie gerne würde ich öfter alleine zu meiner Familie fahren, zu meinen besten Freundinnen, zu meinem Patenkind. Kann ich alles nicht machen.

Was also tun? Naja, in dem Fall handhaben wir es ähnlich wie mit dem Schlafen: irgendwann wird’s vermutlich besser.

Aber wisst ihr was? Ich bereue im Endeffekt keine einzige Autofahrt, keine einzige Reise. Vor Ort hatten wir immer die schönste Zeit zusammen und ich möchte keine Sekunde missen. Und gerechnet auf eine oder zwei Wochen Urlaub ist so eine Autofahrt dann doch wieder nicht so viel. Mittlerweile habe ich übrigens abgestillt – das heißt vorerst wird auf der Rückbank nichts mehr entblößt.

Wie ist das bei euren Kindern? Hassen die das auch? Und hat einer von euch noch einen ultimativen Beschäftigungstipp für mich?

Eure

Lo.

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