„Das ist aber nicht mein pädagogischer Ansatz!“ – Warum Eltern heutzutage MöchtegernerzieherInnen und HobbypsychologInnen sind

 

Den Kommentar aus der Überschrift musste ich letztens auf dem Spielplatz über mich ergehen lassen. Dem Ganzen ging ein Gespräch über Tischmanieren voraus. Ich sagte der Mutter in der Unterhaltung, dass ich denke, dass Jo noch nicht in dem Alter ist, adäquate Tischmanieren zu entwickeln. Und dass er das auch nicht muss. Von mir aus soll er mit dem Essen rummatschen, hauptsache er isst. Dass man mit Essen nicht spielt, wird er zum richtigen Zeitpunkt wissen. Außerdem kann man meiner Meinung nach die Welt nur verstehen, wenn man sie anfasst. Aber gut, anderes Thema.

Das sei nun überhaupt nicht ihr Erziehungsstil, sagte sie. Je früher Kinder gesellschaftliche Normen lernen, desto besser. Das habe sie in einem Ratgeber gelesen. Als sie fortfuhr, hörte ich ehrlich gesagt nicht mehr richtig zu. Aber es klang, als hätte sie den Knigge verschluckt. Außerdem schmiss sie mit Fachbegriffen um sich, die keine waren. Das habe sie alles gelesen, sagte sie. Dann folgte ein weiterer Monolog über „pädagogische Ansätze“, die ebenfalls keine waren.

Auch wenn ich ihre Aussagen zum Teil lächerlich fand, hat mich das Gespräch nachdenklich gemacht. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto verunsicherter war ich. Welchen Erziehungsstil habe ich denn? Hab ich überhaupt einen bestimmten Stil? Muss ich den haben? Vielleicht war das mit den Gesellschaftsnormen doch nicht so falsch. Brauche ich einen Ratgeber? Woher hole ich mir überhaupt Ratschläge?

Eltern sind verunsichert – und holen sich als Konsequenz Ratschläge aus den unterschiedlichsten Quellen

Wenn persönliche Ratschläge nicht helfen können, werden die Babyratgeber rausgekramt. Das Buch über Wachstumsschübe ist die Bibel einer jeden Mutter. Auch hoch im Kurs: Erziehungsratgeber. Wenn man im Internet nach diesem Wort sucht, erzielt man 280.000 Treffer. Man liest Überschriften wie „Die 10 besten Erziehungsratgeber“ und „Warum Kinder Regeln und Grenzen brauchen“.

In Mamiforen werden schließlich Wildfremde nach einem guten Rat gefragt. Hobbypsychologen. Wildfremde, die das eigene Kind nicht kennen. Denn das ist der entscheidende Punkt im Forumsdschungel. Wie sollen andere Menschen zu einer passablen Lösung kommen, wenn sie den kleinen Menschen nicht kennen, um den es geht? Die Umwelt des Kindes, und somit seine Lebensumstände, werden völlig ausgeblendet. Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass man in den Weiten des Internets und in der undurchsichtigen Forumswelt Antworten auf Erziehungsfragen findet.

Ja, auch ich habe es getan

Auch innerhalb meiner Biografie als Mutter gibt es eine Ratgebervergangenhei. Allerdings war die Sache auch in ungefähr 24 Stunden wieder erledigt. Der Auslöser? Was wohl. Unsere damalige Schlafsituation. Völlig übermüdet und wiedermal am Ende meiner Kräfte, bin ich in die Stadtbücherei geschlurft. Stadtbücherei deswegen, weil ich natürlich nicht wusste, wie mein Ratgeberexperiment enden würde. Sollte schließlich am Ende keine Fehlinvestition sein. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie dankbar ich mir später für diesen Gedanken sein würde.

Also ab in die Psychologieabteilung. Als ich an den Regalen für Schlafratgeber ankam, wurde ich erschlagen. Ziellos griff ich nach den Büchern und nahm letzten Endes die Ratgeber mit, deren Titel sich für mich gut anhörten. Mit fünf Ratgebern bestückt verließ ich die Bücherei. Und ich fühlte mich gut.

Zuhause war ich hoffnungslos überfordert und blätterte mich verunsichert durch die Inhaltsverzeichnisse. Das war mir irgendwie alles zu viel. Und zu unnatürlich. Eben gegen meine Natur. Die Verunsicherung wuchs. Eines der bekanntesten und umstrittensten Bücher aus der Schlafthematik habe ich übrigens als allererstes zu Hause in die Ecke gepfeffert. Diejenigen, die sich mit dem Thema schon einmal beschäftigen mussten, wissen, welches ich meine.

Ist es verschwendete Lebenszeit sich mit Erziehungsratgebern zu beschäftigen?

Natürlich habe ich mich am nächsten Tag, kurz nach der Rückgabe, das Offensichtliche gefragt: Wieso habe ich das denn überhaupt gemacht? Ich bin doch überhaupt nicht der Ratgebertyp. Habe ich mich wirklich so sehr verunsichern lassen? Diese Lebenszeit hätte man deutlich effektiver nutzen können. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Nirgendwo trifft dieser Satz mehr zu als in der großen Muddiwelt. Wahrscheinlich habe ich den Gang in die Bücherei gemacht, weil ich einfach nicht weiter wusste. Weil ich hoffte, dass ich in einem Ratgeber die Antwort auf meine Fragen finde. Dass dort schwarz auf weiß geschrieben steht, was ich machen soll. Damit alles besser wird.

Was bleibt jetzt am Ende übrig?

Die Erziehungsratgeber kommen in die Tonne. Wann haben wir eigentlich verlernt auf unsere Instinkte zu vertrauen? Ist nicht das Bauchgefühl in Erziehungsfragen entscheidend? Entscheiden Bauch und Herz nicht immer noch am besten? Meine Antwort lautet: Ja.

Vor ein paar Tagen habe ich die folgenden Zeilen des Schriftstellers D. H. Lawrence gelesen: “Wie erziehe ich mein Kind? Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe.“

Wie das jetzt mit unserer Schlafproblematik zusammenpasst? Nun ja, ich habe Jo irgendwann in Ruhe gelassen. Habe jegliche Theorien verworfen und auf meinen Bauch gehört. Und mittlerweile schlafen wir nachts. Ohne die Hilfe eines Ratgebers.

 

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