27. Juli 2018 – Der Tag, an dem ich Angst hatte unser Kind zu verlieren

 

27.07.2018

Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll. Ich kann meine Gedanken nicht ordnen. Klar ist, dass das, was heute passiert ist, einer der schrecklichsten Momente meines Lebens war. Vielleicht hilft es, dass ich es aufschreibe. Aber vielleicht macht das auch alles nur noch viel schlimmer. Ich will es loswerden – das erhoffe ich mir zumindest. Ich hoffe und bete, dass ich nie wieder an diesem Moment denken muss. Gleichzeitig weiß ich jetzt schon, dass sich das Bild in meinen Kopf gebrannt hat und dass ich dieses Ereignis bis an mein Lebensende nicht mehr vergessen werde.

Lorena, was willst du jetzt machen?

Ich weiß es nicht.

Willst du einen Notarzt rufen?

Ich weiß es nicht.

Du kennst ihn am besten. Wie wirkt er auf dich? Willst du ins Krankenhaus fahren?

Ich weiß es nicht!

Es war der 27.07.2018. Wie so oft in diesen Tagen,  war es unfassbar heiß. Fast 36 Grad. Ich hielt es aufgrund der Temperatur in unserer Wohnung nicht mehr aus und beschloss, zur Schwiegermama zu fahren, um mit ihr ins örtliche Freibad zu gehen. Damit wir wenigstens eine kleine Abkühlung bekommen.

Und manchmal fühlt man es schon vorher. Tage, die irgendwie anders sind. Die irgendwie blöd sind. Der Morgen war sehr stressig, Jo war schlecht gelaunt und ich auch. Die Zugfahrt in das kleine Dörfchen in der Nähe von Münster war anstrengend. Die Hitze machte uns fertig. Auf dem Weg von der Bushaltestelle ins Freibad schlief Jo fast ein. Das wollte ich verhindern, es war viel zu früh für den Mittagsschlaf. Wir schafften es zum Glück ohne Schläfchen ins kühle Nass. War das mein Fehler?

Die Stimmung war ausgelassen. Jo’s Cousine und sein Onkel waren auch da. Die Kinder alberten herum, Jo hatte wiedermal den Spaß seines Lebens.

Irgendwann entdeckte Jo die kleine Rutsche im flachen Babybecken. Wie immer kletterte er sehr vorsichtig hoch und rutschte quietschend herunter. Ich war so stolz auf ihn. Wie sicher er in seinen Bewegungen ist, fasziniert mich immer wieder. So vorsichtig. „Der kann das!“

Dieses Bild werde ich niemals loswerden

Plötzlich sah ich mit halbem Auge, wie er das Gleichgewicht verlor und auf den Hinterkopf knallte. Ich versuchte, nicht zu hysterisch zu reagieren, damit es nicht auf ihn abfärbte. Er schlitterte ins flache Wasser und ich zog ihn raus,  um ihn zu trösten. Ich nahm ihn hoch. Er war so schlaff. Ganz schlaff. Da stimmt etwas nicht. „Jo?“ Sein Kopf sackte zur Seite. Er hing zwischen meinen Händen. Und er weinte nicht. Er wimmerte und sackte immer wieder in meinem Arm weg. Er weint nicht. Das ist ein schlechtes Zeichen, das wusste ich. Das hatte ich im Säuglingserstehilfekurs gelernt.

Was sollen wir jetzt machen, Lorena?

Ich weiß es nicht!

Hilflosigkeit und Verzweiflung überrollten mich wie ein LKW

Hilflos ging ich mit meiner Schwiegermama ins Bademeisterhaus. Auf dem Weg dorthin spielte ich mit dem Gedanken einen Krankenwagen kommen zu lassen. Dann fing er endlich an zu weinen. Gott sei Dank. Seine Gesichtsfarbe war zum Glück normal, lediglich eine Beule am Hinterkopf zeichnete sich ab. Der Bademeister sagte, ich müsse selber wissen, was ich machen soll. Natürlich muss ich das wissen. Ich kenne meinen Sohn am besten. Aber in diesem Moment wusste ich es nicht. Ich brauche jemanden, der mir sagt, was ich tun soll. Diese Hilflosigkeit war eines der schmerzhaftesten Dinge, die ich je gefühlt habe. Und ich musste alleine eine Entscheidung treffen. Jetzt.

Dann kam die erste kurze Erleichterung – er sah wieder gut aus und verhielt sich normal

Nach einer gefühlten Ewigkeit entschied ich mich, kurz zu warten und ihn zu beobachten. Jo wirkte nach ungefähr fünfzehn Minuten wieder normal auf mich. Ich setzte mich erstmal auf unsere Picknickdecke und presste ihn an mich. Ich weinte. Gab ihm dann was zu trinken, gab ihm was zu essen. Er sah fertig und müde aus. War er unkonzentriert auf der Rutsche, weil ich seinen Mittagsschlaf herausgezögert hatte? Ich machte mir Vorwürfe. Und das tat richtig weh.

Dann legte ich ihn in seinen Buggy und nach schätzungsweise zehn Minuten schlief er ein. Schlief er oder war er bewusstlos? Ich schaute auf seinen Brustkorb. Er atmete ganz ruhig.

Mein Grundgefühl war gut, dennoch entschied ich mich, zum nahegelegenen Kinderarzt zu gehen. Ich wollte eine Einschätzung von ihm. Wenn er einen besorgten Eindruck gemacht hätte, wäre ich weiter zum Krankenhaus gefahren.

Der Kinderarzt gab die finale Entwarnung

Jo wurde untersucht und dann gab es die Entwarnung. Wir sollen uns keine Sorgen machen. Jo hatte sich nicht übergeben, somit konnte eine Gehirnerschütterung vorerst ausgeschlossen werden. Seine Pupillen reagierten normal und die Reflexe funktionierten ebenfalls. Ich war erleichtert. Aufatmen.

Trotzdem sitze ich jetzt hier im Dunkeln und alles kommt zurück. Ich will, dass es aufhört. Aber das wird es vorerst nicht.

Ja, ich schreibe diese Zeilen jetzt unter Tränen

Und ich muss es loswerden: Ich hatte heute Angst, unseren Sohn zu verlieren. Ich werde diesen Anblick niemals vergessen können. Wie ich ihn hochgehalten habe und er da kurz leblos zwischen meinen Händen hing.

Ich lege mich jetzt gleich zu Jo ins Bett. Im Minutentakt laufe ich runter in sein Kinderzimmer und schaue nach, ob er noch atmet. Ja, der Tag hat Konsequenzen für mich. Ich werde ihn schlafen lassen, wenn er müde ist. Ich werde in Zukunft besser aufpassen. Das bin ich uns jetzt schuldig.

Mir ist heute schmerzlich klar geworden, wie viel wir zu verlieren haben.

Der weitere Tag verlief sehr gut und völlig normal. Gegen Abend alberten wir sogar wieder im Wohnzimmer mit Jo rum und er rannte lachend durch den Raum. Er hat den ganzen Tag über gut gegessen und getrunken. Die Beule ist überraschend klein – sie ist nicht mal blau. Es ist also wirklich alles gut gegangen. Danke für eure Nachrichten.

 

5 Gedanken zu „27. Juli 2018 – Der Tag, an dem ich Angst hatte unser Kind zu verlieren“

    1. Dieser Kommentar geht gar nicht. Er ist weder hilfreich noch irgendwie realitätsbezogen. Auch nach 2 Jungs und sechs Monaten kann ich mich an unter 3 ähnlich “alltägliche” Begebenheiten erinnern und hoffe sehr, dass es dabei bleibt. Hoffentlich erlebst Du selbst nie etwas “alltäglicheres”!

    2. Ich frage mich grad, ob Du (unbekannterweise) einen schlechten Tag hast oder irgendwie grad der Empathie-Chip deaktiviert wurde? Also, es geht um Gefühle, wie sie Angst hatte, dass ihr Kind stirbt. Ob das medizinisch wirklich die Frage war, darum geht es gar nicht. In dem Moment als Mutter oder andere anwesende Person hat man Angst und/oder steht unter Schock. Lorena hat sogar ziemlich besonnen reagiert, keine Ahnung, ob ich das könnte. Aussenstehend kann ich locker auf Fieberkrampf tippen, wenn das mein Kind ist, ist mein Ziel, dass das Kind atmet und lebt. Diese Angst kann man auch danach nicht einfach abschütteln, der Schreck bleibt.

      Abgesehen davon finde ich, selbst, wenn Du so denkst, den Kommentar hier unpassend. Lorena verarbeitet ihren Schreck und erzählt von ihrer Angst. Es ist einfach gemein. Ich wünsche Dir, dass Du nie in eine Situation kommt, wo Du Angst hast, dass Dein Kind stirbt.

  1. Dieser Kommentar ist unmöglich! Was soll das? Lorena verarbeitet ihre Angst in diesem Artikel…ich finde dafür einfach keine Worte und es macht mich ziemlich wütend! Unfassbar….

  2. “Alltäglich”, wenn dein Kind bewusstlos in deinen Armen liegt????? Absolut unpassender, ja fast unverschämter Kommentar! Vielleicht gibt es ja doch eine(!) Mutter, der es egal ist, wenn das eigene Kind bewusstlos in den Armen liegt…

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