Studieren mit Kind – Leben in einer Parallelwelt

„Ach krass, du bist schwanger? Und was ist jetzt mit deinem Studium?!“ – Eine der am meisten gestellten Fragen, nachdem ich meine Schwangerschaft Freunden und Bekannten im Sommer 2016 verkündete.

Die Frage löste etwas in mir aus. Sie ließ mich alles andere als unberührt. War es wirklich eine gute Idee, jetzt ein Kind in die Welt zu setzen? Ich bin mitten in der Ausbildung. Sind Bauchentscheidungen wirklich immer die besten Entscheidungen im Leben? Hätten wir uns doch noch Zeit lassen sollen?

Die Gesellschaft gibt die Reihenfolge vor

Zusammenkommen, Zusammenziehen, das Studium beenden, einen guten Job bekommen, heiraten, Kinder in die Welt setzen. So sieht es die Gesellschaft vor. Auch noch im Jahre 2019. Sind die gesellschaftlichen Normen der Grund, warum ich die Frage so oft gestellt bekam? Ich vermute, ja. Es ist wahrscheinlich wie so oft im Leben – tanzt du aus der Reihe, werden Fragen gestellt.

Das Beste am Studieren mit Kind – Leben in einer Parallelwelt

Ich bin Mutter und Studentin zugleich. Und ich liebe es. Für mich gibt es zwei Welten, in denen ich leben kann. Ich muss mich nicht für eine entscheiden, ich kann beides haben. Wenn ich im Seminar sitze, bin ich nur irgendeine Studentin, die gerade mit ihren Kommilitonen ein Referat vorbereitet. Dann muss ich mich mal nicht über die Schlaf- oder Essensgewohnheiten von Jo unterhalten, sondern ich kann einfach mal über Unitratsch oder Inklusionspädagogik reden.

Wie ist es denn nun – das Studieren mit Kind?

Und wie ist es nun, das Studieren mit Kind? Absolut machbar. Und wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich das alles wieder so machen würde, würde meine Antwort „JA!“ lauten. Ich bin flexibel und niemandem für irgendwas eine Erklärung schuldig. Wenn Jo krank ist, lasse ich die Vorlesung oder das Seminar sausen und bin ganz für ihn da. Eine kurze Email und das war es.

Ich habe das große Glück an einer sehr kinderfreundlichen Uni studieren zu dürfen. Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich mit meinen Anliegen missverstanden oder ausgegrenzt gefühlt. Die Beratungsinstanzen der Universität Münster haben mir in vielen Punkten weitergeholfen, egal ob es um eine Seminarplatzvergabe oder um die weitere Studienverlaufsplanung ging. Ich kann studierenden Eltern nur empfehlen, die Beratungs- und Unterstützungsangebote der Universitäten wahr zu nehmen.

Organisation ist alles

Natürlich würde das alles nicht so gut funktionieren, wenn ich meine Schritte nicht gut organisieren würde. Jegliche Unterstützung ist als Studierende mit Kind essenziell. Egal ob vom Partner, von der Familie oder von Freunden. Im ersten Semester nach Jos Geburt ist einmal in der Woche die Schwiegermama gekommen, damit ich zwei Seminare besuchen konnte. Schließlich war Jo zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Kita. Außerdem haben wir das große Glück, einen wahnsinnig tollen Babysitter zu haben – somit konnte ich auch mal ein Blockseminar besuchen.

Im gleichen Semester habe ich dann dazu noch eine Klausur geschrieben. Die dazugehörige Vorlesung habe ich nicht besucht, ich habe von zu Hause aus gelernt. Zurzeit gibt es nämlich keine Anwesenheitspflicht an den Universitäten in NRW – Ein großer Vorteil für studierende Mütter.

Dadurch, dass Jo nun seit August 2018 im Kindergarten ist, ist im Hinblick auf die Uni natürlich vieles leichter geworden. Ich kann tagsüber sehr viel schaffen und habe mir fürs Sommersemester viel vorgenommen. Ich muss lediglich darauf achten, dass ich meine Kurse nicht in den Nachmittag lege, weil ich Jo nicht so spät von der Kita abholen möchte.

Schattenseiten gibt es allemal

Aber selbstverständlich hat das Studieren mit Kind auch seine negativen Seiten. Der finanzielle Aspekt zum Beispiel. Der Mann ist Alleinverdiener. Das lässt sich nicht schönreden. Bisher konnte ich, beispielsweise aufgrund des zeitintensiven Praxissemesters oder wegen der Betreuung von Jo, auch leider nicht viel beisteuern. Das kratzt ziemlich oft am Ego, allerdings weiß ich auch auf der anderen Seite, dass diese Zeiten sehr bald vorbei sein werden, wenn ich nächstes Jahr ins Referendariat gehe. Wenn man plant, ein Kind im Studium zu bekommen, ist das Finanzielle ein Faktor, den man mit in seine Überlegungen einbeziehen muss. Dennoch denke ich, dass man auch mit wenigen Mitteln seinem Kind viel ermöglichen kann. Wir kaufen beispielsweise alles (bis auf wenige Ausnahmen) secondhand oder leihen uns Kleidung von Freunden, die bereits Kinder haben.

Abends lernen – Eine große Herausforderung

Als Jo noch nicht in der Kita war, musste ich meine Lerneinheiten auf abends verschieben, das war für mich eine der größten Herausforderungen. Denn abends war ich meist unheimlich müde, da Jo ein sehr schlechter Schläfer ist (mehr dazu HIER). Vor Jos Zeit habe ich immer am Tag gelernt, damit ich abends den Kopf frei hatte. Das war im ersten Jahr kaum möglich. Außerdem bedeuteten abendliche Lernsessions, dass der Mann alleine auf dem Sofa lag – Die Pärchenzeit litt von Zeit zu Zeit unter den Klasurenphasen.

Seit Jo da ist, ist die Gelassenheit in mein Leben eingezogen

Seit Jo da ist, habe ich jedoch meine Ziele klarer vor Augen. Bin fokussierter. Bin Gelassener. Keinen Seminarplatz bekommen? Okay, das wird sich schon irgendwie regeln. Die mündliche Prüfung ist nur knapp bestanden? Ärgerlich, aber es gibt jetzt Wichtigeres. Das Muttersein hat mich Lektionen gelehrt, die ich für das Studieren nutzen kann. Insgesamt ist alles etwas unbeschwerter, denn meine Lebensmittelpunkte haben sich verschoben. Unbeschwert, aber dennoch fokussiert. Das trifft es gut.

Wenn ich trotzdem mal wieder im Unistress versinke, wenn die Bücher sich bis zur Decke stapeln und wenn die gefühlt 10. Hausarbeit kein Ende nimmt, dann halte ich oft kurz inne, gehe in Jos Kinderzimmer und sehe meinen schlafenden Sohn an. Dann bin ich wieder geerdet. Er erinnert mich dann in solchen Momenten mit seinen zerzausten Haaren und mit seinem ruhigen Atem daran, was wirklich wichtig ist im Leben. Und dann denke ich an die Entscheidung, die wir damals im Sommer 2016 trafen und weiß wieder, dass Bauchentscheidungen diejenigen Entscheidungen sind, die mein Leben in jeglicher Hinsicht vollkommen gemacht haben

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